Hängen im Schacht

„Ich glaube, die wollten mich wirklich umbringen.“

Als Knappe war ich eine ganze Zeit lang als Stapelfahrer an einem Blindschacht eingesetzt. Es gab also keine Verbindung zur Außenwelt. Der sogenannte Blindschacht war eine Art Aufzugsschacht, um auf die nächste Sohle zu gelangen, um letzendlich von dort aus zu seinem Arbeitsplatz zu kommen. Es kam häufig vor, dass der Blindschacht durch den Gebirgsdruck so verschoben war, dass der Förderkorb an vielen Stellen klemmte oder ganz hängen blieb. Man muss sich das so vorstellen wie eine Beule, die der Berg bekommen hat.

Ich hatte die erste Schicht nach Weihnachten. Während der Feiertage war der Blindschacht nicht benutzt worden. Das ist ein wichtiger Fakt für diese Geschichte, weil der Sumpf des Blindschachtes mit Wasser und Schlamm voll gelaufen war.

Ich stand als Bremser an dem kleinen Schacht innerhalb der Grube an meinem Fahrventil, welches über Pressluft betrieben wurde. Insgesamt sieben Leute passten auf den Korb, den ich auf die nächste Sohle fahren sollte. Sie war etwa 100 Meter tiefer als der Ausgangspunkt. Erst lief alles glatt. Plötzlich blieb der Korb hängen, d. h. er steckte in einer Engstelle und bewegte sich keinen Millimeter mehr. Weder vor noch zurück. Ich versuchte daher durch Auf- und Abfahren den Korb wieder frei zu bekommen. Da der Korb von meinem Standort, am Haspelventil, etwa 100 Meter tiefer war, hatte ich keinerlei Verbindung zu den Kumpeln auf dem Korb. Wir hatten uns damals mit Kreide Markierungen ans Seil gemacht, um sehen zu können, wo der Korb war. In Wirklichkeit war der Korb jetzt unten angekommen. Die Leute hätten aussteigen können. Da aber kein Kreidezeichen mehr vorhanden war, wusste ich auch nicht, wo der Korb genau war. Nun versuchte der erste Mann auszusteigen, aber ich begann neue Fahrversuche.

Ich habe also quasi „auf gut Glück“ den Korb wieder freigefahren, ohne zu merken, dass ich schon genau auf der Sohle war. Miit den Rauf-/Runterfahraktionen ließ ich jeweils meine Leute teilweise bis zum Hals und auch noch tiefer im Schlamm versinken, während sie gleich im nächsten Moment wieder raufgerissen wurden, um direkt wieder im Schlamm einzutauchen. Kleine Leute waren komplett unter Wasser. Und das alles auf einem mehr oder weniger ungesichterten Korb. Es bestand daher wirklich Lebensgefahr für die Leute! In dem Glauben, dass der Korb endlich auf der Sohle angekommen war, fuhr ich ihn noch ein wenig tiefer. Plötzlich hörte ich ein Haltesignal. Sofort ließ ich den Korb stehen. Durch ein einfaches Sprachrohr (ein oben und unten offenes Rohr), das üblicherweise der Verständigung diente, hörte ich dann Satzfetzen wie: „… kaputt! Wir machen Dich kaputt! Wir schlagen Dich tot!!!“ Wut und pure Angst ums Überleben brachten die Kumpel bis zum Äußersten. Mit Herzklopfen zog ich den Korb hoch und nur allein die Tatsache, dass zwischen mir und dem Korbeinstieg ein Tor war, konnte mich vor dem Schlimmsten bewahren. Ich glaube, die aufgebrachten Leute hätten mich wirklich umgebracht.

Die Leute sind natürlich sofort ausgefahren und nach Hause gegangen. Glücklicherweise ist bei der ganzen Aktion niemand verletzt worden.